Architektur ist eine Disziplin die aus einem Bündel verschiedener Wissenschaften besteht. Gäbe es keine Architekturuniversitäten wo man bereits alle Spezialisten und Fachleute versammelt hat, müsste man in seiner Ausbildung abwechselnd zu Mathematikern, Physikern, Ökonomen, Juristen, Philosophen, Soziologen, Psychologen, Informatikern, Künstlern, Handwerkern und Historikern lernen gehen. Doch die Kombination dieser Fächer bietet immer noch nicht genug Wissen um ein Haus zu planen. Man braucht die Erfahrung der Praxis.
Wenn es all das braucht, damit Architektur entstehen kann, wie konnte man dann in der Vergangenheit bauen? Weil man einfach musste und zugleich wollte. Man brauchte Anlagen um das eigene Überleben zu sichern, ein wenig Komfort zu genießen und schließlich auch um kultische Rituale zu vollziehen (Tipp: Freilichtmuseum Elsarn). Man wollte es nicht dem Zufall überlassen wo, wann und auch in welcher Form Schutz, Komfort und Raum für rituelle Handlungen zur Verfügung standen. Funktion und Gestaltung sind nach wie vor treibende Motive.
Wenn man möchte, kann man in unseren modernen Siedlungsformen nach wie vor steinzeitliche Gewohnheiten erkennen. Wir jagen auf der abenteuerlichen Shoppingmeile, besuchen kultische Orte und ziehen uns täglich in unsere privaten Höhlen zurück.
Doch die Realität der Gegenwart ist komplex, komplexer noch als in der Spätsteinzeit vor 28.000 Jahren, als die ersten Dachbauten, Stangenzelte und Windschilder errichtet wurden.
Seit dem Jahr 2007 wohnt die Mehrheit der Menschen, erstmals in der Geschichte, in Städten (siehe Wikipedia). Laut einer Studie der UNO werden es bis 2030 60% und bis 2050 70% der Weltbevölkerung sein.
Auf die Architektur und vor allem auf den Städtebau kommen gewaltige und bisher beispiellose Aufgaben zu. Die starke Verdichtung unseres städtischen Wohnraums ist eine Herausforderung für Lebensmittel-, medizinische und Energieversorgung, Müllentsorgung und Transport. Wachsende Städte lassen das subjektive Sicherheitsbedürfnis ansteigen, verstärkt noch durch globale gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Entwicklungen. Das bedrohliche Ausmaß der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt stellt überhaupt das grundlegendste, dringendste Problem dar.
Neben der Hoffnung und dem optimistischen Glauben an eine bessere Zukunft gibt es für mich noch die treibende Kraft der unendlichen Neugier, wie und in welcher Form verantwortungsvolle Spezialisten und Universalisten mit diesen ernsten Problemen umgehen und wie man bitter notwendige Maßnamen gesellschaftstauglich erklären kann. Es geht gewissermaßen darum, die Extreme in Balance zu bringen.

David Marold



